betrügen

Lohnt es sich zu betrügen?

Ich kann mich sehr lebhaft daran erinnern, wie ich in meiner Schulzeit des öfteren in einer Prüfung saß und so gut wie nichts wusste. Das kam besonders in den Fächern Mathe und Chemie vor. Ich habe diese Fächer nicht nur mit jeder einzelnen Faser meines Körpers gehasst, sondern auch nicht für sie gelernt. Das lag zum einen daran, dass für mich der persönliche Mehrwert dieser Fächer nicht vorhanden war, denn warum sollte ich für etwas meine Zeit verschwenden, was mich sowieso nicht interessiert. Die schlechten Noten und den gelegentlichen Ärger zuhause, habe ich für ein paar Stunden mehr auf dem Skateplatz, gerne in kauf genommen. Obwohl es mir relativ egal war, dass ich schlechte Noten bekommen habe, gab es doch diesen Moment, kurz nachdem die korrigierten Arbeiten ausgeteilt wurden. Denn vor meinen Freunden zuzugeben, dass ich wiedermal eine 5 kassiert hatte, war mir irgendwie doch jedes Mal peinlich. Also was tun, wenn man nicht lernen will, aber trotzdem gern mal eine 3 hätte? Ich habe in Betracht gezogen zu betrügen.

Betrügen, um vor anderen Leuten im Vorteil zu sein, ist wohl für viele Menschen kein fremdes Konzept. Ab und zu liest man in den Nachrichten, dass irgendein Politiker wieder unter Verdacht steht, seine Diplomarbeit plagiiert zu haben. Vor jeder Prüfung wird mir gesagt, dass, wenn ich betrüge, meine Arbeit sofort mit einer 6 bewertet wird und ich für 5 Tage in der Mitte des Marktplatzes an den Pranger gestellt werde. Eine eher unschöne Vorstellung. Trotzdem hält das manche Leute nicht davon ab zu betrügen. Sei es in der Schule, der Uni, im Beruf, auf dem Fußballplatz oder bei der Partie Monopoly mit der Familie. Jetzt stellt sich mir die Frage, was passiert, wenn der Betrug nicht auffliegt?

Wie wirkt sich Betrug auf das Wohlbefinden aus?

Betrügen und die Tücken

Die Forscher Jan Stets und Ryan Trettevik von der University of California haben in ihrer Studie Happiness and Identities untersucht, wie die Glückseligkeit in moralisch herausfordernden Situationen beeinflusst wird. Sie haben ein Experiment aufgestellt, in dem die Teilnehmer eine Aufgabe entweder alleine oder in einer Dreiergruppe bewältigten sollten. Wenn sie die Aufgabe gut lösen, stehen ihre Chancen nach der Studie Geld dafür zu bekommen besser, als für die schlechten Teilnehmer und Gruppen. Je besser die Leistung, desto höher der Lohn.
Insgesamt haben 284 Teilnehmer an dieser Studie teilgenommen. 93 von ihnen haben alleine an ihrer Aufgabe gearbeitet. Jedem Teilnehmer und jeder Gruppe wurde gesagt, dass sie in Konkurrenz zu den anderen Teilnehmern und Gruppen stehen.

Was wäre eine empirische Studie bloß ohne die Variablen, die gemessen werden sollen? In dieser Studie wurden mehrere davon gemessen:



Glückseligkeit: Es wurde gemessen, wie jeder Teilnehmer sich vor und nach der Studie gefühlt hat.

Moralische Identität: Was die Teilnehmer über sich selbst denken. Dazu wurden ihnen 12 gegensätzliche Wortpaare präsentiert, von dem sie jeweils ein Wort ankreuzen sollten. Wortpaare wie Ehrlich/Unehrlich, Fair/Unfair und so weiter.

Betrug: Hier sollte jeder angeben, ob er/sie während der Studie in irgendeiner Art und Weise betrogen hat. Wenn dies der Fall war, sollte angegeben werden wie betrogen wurde.

Eingeschätzte Fremdbeurteilung: Die eigene Einschätzung darüber, was die anderen Teilnehmer über einen denken.

Die Forscher haben ihre Studie so konzipiert, dass die Möglichkeit zum Betrügen geben ist. Manche Teilnehmer haben diese Chance genutzt und andere nicht.

Gewissensbisse und verzerrte Selbsteinschätzung

Die Teilnehmer, die nicht betrogen haben, haben sich nach der Studie auch nicht sonderlich schlecht gefühlt. Ganz im Gegenteil. Warum auch. Sie haben ja auch nichts falsch gemacht. Hut ab. Sie haben nicht betrogen, weil sie entweder glaubten, dass Betrügen falsch sei oder weil sie die Aufgabe von sich aus gut bewältigen konnten.

Die Teilnehmer, die betrogen haben und später angaben, sie würden nicht denken, dass andere sie als moralische Personen einschätzten würden, haben ein niedrigeres Glücksgefühl verspürt. Die Forscher argumentieren, dass dieser Prozess des Betrügens die eingeschätzte Fremdwahrnehmung der Betrüger beeinflusst. Es war egal, welchen Grund die Betrüger für ihr Handeln angegeben haben, sie haben sich immer schlechter gefühlt, wenn sie darüber nachdachten, was andere von ihnen halten würden. Besonders, wenn sie sich selbst sonst als moralische Person sehen.

Für die Leute, die alleine gearbeitet haben, gab es noch weitere Konsequenzen. Je öfter sie betrogen haben, desto schlechter fühlten sie sich im Anschluss. Die Leute, die in der Gruppe betrogen haben, konnten sich noch rechtfertigen, weil sie ja zu Gunsten der Gruppe betrogen haben. Und weil sie ihren Betrug möglicherweise sogar von der Gruppe geheim halten konnten. Jeder muss schließlich Opfer bringen, wenn man gewinnen will.

Es wurde nicht öffentlich verkündet, wer betrogen hat und wer nicht. Trotzdem haben sich die Betrüger im Vergleich zu den ehrlichen Teilnehmern schlechter gefühlt.

Fazit

In den Jahren seit meiner Schulzeit habe ich für mich erkannt, dass ich lieber in den sauren Apfel des Versagens beiße, als zu schummeln. Wenn ich aufgrund mangelnder Vorbereitung durch eine Prüfung falle, dann weiß ich wenigstens, dass ich mich das nächste Mal etwas disziplinierter zum Lernen hinsetzen muss. Scheitere ich trotz Vorbereitung, dann ist das halt so. In 20 Jahren werde ich sicher nicht zurück blicken und denken „Boa, hättest du da mal ne bessere Note in Arbeits- und Organisationspsychologie 1 gehabt“. Aber ich denke, dass ich gerne auf meinen Werdegang zurückblicke, mit dem Wissen, dass ich für mein Schicksal selbst verantwortlich war und den ehrlichen Weg gegangen bin.

Außer bei Monopoly. Wer da nicht betrügt, hat das Spiel nicht verstanden.

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