Chronotypen und Selbstbehinderung

Ich stehe häufig spät auf, es ist nicht so, dass mir das wirklich gefallen würde, aber ich kann manchmal einfach nicht anders als spät ins Bett zu gehen und spät aufzustehen. Andere hingegen können morgens nicht mehr liegen und müssen unbedingt aufstehen. Diese so genannten Chronotypen, Frühaufsteher und Spätaufsteher werden häufig auch Lerchen und Nachteulen bezeichnet. In neuen Studien wurde untersucht, ob dieser Chronotyp einen Einfluss auf Selbstbehinderung hat und wenn ja, in wie fern sie dem Chronotyp entsprechen oder nicht.

Selbstbehinderung

Selbstbehinderung (self-handicapping) beschreibt einen Vorgang, der bei Menschen häufig auftritt. Selbstbehinderung tritt dann auf, wenn versucht wird ein Ziel zu erreichen. Beispielsweise könnte das Ziel eine gute Note in einem Test sein. Wenn ich mir jetzt, noch vor der Prüfung, überlege, weshalb ich diese gute Note eventuell nicht bekommen könnte und so Gründe finde wie: irgendwie hast du heute schlecht geschlafen, der Dozent hat wirklich schlechte Übungsaufgaben gestellt oder irgendwie surrt das Licht so mega nervig, da werde ich mich wohl nicht so gut konzentrieren können, betreibe ich Selbstbehinderung.

Es beschreibt also die Zurechtlegung von potentiellen Entschuldigungen, sollte ich das von mir erstrebte Ziel nicht erreichen können. Natürlich ist die Ausprägung von Selbstbehinderung ebenfalls nicht bei jedem Menschen gleich, manch einer hat eine niedrige Ausprägung und manch einer hat eine hohe Ausprägung an selbstbehinderndem Verhalten.

Chronotypen

Chronotypen haben wir eingangs schon kurz beschrieben. Im Grunde bezieht es sich auf den cirkadianen Rythmus. Dieser cirkadiane Rythmus bestimmt, durch ein Zusammenspiel aus verschiedenen inneren Funktionen, wie wir unseren Tagesrythmus empfinden. Über eine große Stichprobe lässt sich so unter anderem eine Mehrung von Geburten zu einer gewissen Uhrzeit feststellen. Hier sagt die biologische Uhr des Menschen überzufällig häufig, dass die Geburt jetzt beendet werden sollte.

Der cirkadiane Rythmus bestimmt dann auch, ob wir Lerchen oder Nachteulen sind. Er diktiert, zu welchen Zeiten wir müde und zu welchen Zeiten wir uns wach und fit fühlen. Er hat somit auch einen starken Einfluss auf unsere erlebte Leistungsfähigkeit. Lerchen sind morgens schon sehr früh leistungsfähig und können gute Arbeitsleistungen zeigen, wohingegen Eulen in der Nacht aufblühen und morgens erst einmal in den Tag starten müssen bzw. einfach länger schlafen müssen um sich ausreichend erholt zu fühlen.

Jetzt könnte man natürlich sagen, dass es alles nur eine Einstellung zum Aufstehen ist, wer früh aufstehen möchte, kann sich das antrainieren. Studien haben allerdings gezeigt, dass der cirkadiane Rythmus äußerst robust ist und sich eigentlich nicht ändern lässt. Wir sind zum Früh- oder Spätaufsteher geboren, eine spätere Änderung ist nahezu unmöglich. Zusätzlich liegen in der Regel eher Tendenzen vor. Nur ganz wenige Menschen sind extreme Lerchen oder extreme Nachteulen. In der Regel befinden sich die meisten Menschen irgendwo zwischen den beiden Extremen.

Einfluss von Chronotypen auf die Selbstbehinderung

Wieso könnten die Chronotypen jetzt einen Einfluss auf das Ausmaß der Selbstbehinderung haben? Es stellt sich die Frage, ob zur Ausübung der Selbstbehinderung Ressourcen benötigt werden oder nicht. Ob es also für den Menschen anstrengend ist, sich Entschuldigungen für potentielles Versagen zu suchen oder nicht.

Als Grundlage könnten hierfür die Chronotypen verwendet werden. Lerchen sind, wie bereits erwähnt, morgens am Leistungsstärksten und werden zum Nachmittag und Abend hin immer leistungsschwächer. Die Nachteulen blühen gegen Abend allerdings erst auf. Somit stehen den Lerchen morgens mehr Ressourcen zur Verfügung als abends und den Nachteulen abends mehr Ressourcen als morgens. So stellt sich also die Frage, wer zeigt zu welcher Uhrzeit mehr selbstbehinderndes Verhalten?

Sollte es zur Selbstbehinderung keine sonderliche Anstrengung bedürfen, läge es nahe, dass sie dann durchgeführt wird, wenn kaum noch Ressourcen zur Verfügung stehen. Die Lerchen würden somit abends das meiste selbstbehindernde Verhalten zeigen, da die Wahrscheinlichkeit der erfolgreichen Erfüllung der Aufgabe durch die schwindenden Ressourcen unwahrscheinlicher wird und somit vorgesorgt werden müsse. Sollte die Bildung von selbstbehinderndem Verhalten allerdings Ressourcen benötigen, sollten Lerchen dies morgens am ehesten zeigen, da die, dann eh schon knappen, Ressourcen abends besser vollkommen auf die Aufgabe gerichtet werden müssen.

Ergebnisse Einfluss von Chronotypen auf Selbstbehinderung

Die Ergebnisse sprechen eine erstaunliche Sprache. Gemäß einer neuen Studie, wo der circadiane Rythmus genutzt wurde um die Menge an verfügbaren Ressourcen zu variieren, zeigte sich, dass selbstbehinderndes Verhalten dann stärker war, wenn die meisten Ressourcen zur Verfügung standen.

In einem experimentellen Aufbau, war es den Versuchspersonen möglich, Stress als eine mögliche Ausrede zu verwenden weil ein Zeitlimit gesetzt wurde. Hier zeigten Menschen, die in der Regel bereits verstärkt selbstbehinderndes Verhalten zeigen, dass sie Stress häufiger als mögliche Ausrede für schlechtes Abschneiden nutzten, wenn sie entsprechend ihrem Chronotypen, ideale Bedingungen hatten. Lerchen nutzten die Ausrede also morgens und Eulen abends.

Als die mögliche Ausrede Stress entzogen, durch Aufhebung des Zeitlimits, wurde. Kam eine neue Ausrede von den Probanden ins Spiel, nämlich Müdigkeit. Absurderweise gaben hier Eulen, die häufig selbstbehinderndes Verhalten zeigen, an, Abends müde zu sein und Lerchen gaben gleichfalls an, morgens müde zu sein. Dies steht komplett gegensätzlich der eigentlichen Energieverteilung. Lerchen sollten morgens wach sein und Eulen abends. Hier zeigt sich das Ausmaß des selbstbehindernden Verhaltens.

Fazit

Das Ergebnis steht konträr der Erwartung. Eigentlich sollte erwartet werden, dass selbstbehinderndes Verhalten gezeigt wird, wenn die Versagenswahrscheinlichkeit, durch zu wenig Ressourcen, am höchsten ist. So zeigten auch Vorstudien der obig genannten Studie, das 80% der Befragten davon ausgingen, dass selbstbehinderndes Verhalten dann am höchsten ist, wenn die Ressourcen knapp werden.

Das Ergebnis ist in so fern relevant, als das selbstbehinderndes Verhalten einige negative Folgen für die Leistungsfähigkeit von Menschen hat. Diese Studie könnte den Grundstein für weitere Forschungen legen um Applikationen zu entwickeln, die selbstbehinderndes Verhalten möglichst minimieren. Die Forschung ist hier noch sehr jung und es kann noch viel weiter in der Richtung entdeckt werden.

Vielen Dank für das Lesen, wenn ihr Themenvorschläge habt, schreibt dies doch gerne in die Kommentare.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert